Schlick in meinen Händen II

»Bin neidisch!«

»Worauf?«

»Naturvölker.«

»Holla, das ist kein scharfer Begriff und wird oft romantisierend missbraucht!«

»Mensch, nee, nee, das meine ich doch nicht. Und wenn doch, missbrauche ich hier gern.«


»Worum geht’s also?«

»Die sind glücklicher!«

»Was geht denn hier ab? Hast du auf’m GEO Magazin geschlafen?«

»Ich meine das ernst.«

»Hört sich langsam wirklich so an. Da bin ich gespannt, was jetzt kommt.«

»Ist ne Herzenssache für mich. Ich will hier nicht von völliger Harmonie mit der Natur sprechen und zu verklären anfangen. Und dennoch, ich meine, dass wir in den Industrieländern aus der Glückseligkeit der Kinder heraus- und in die verkopfte Ratioerwachsenenwelt hinein getreten werden. Wie oft hab ich als Kind gehört, nun sei doch mal vernünftig, benimm dich nicht wie ein Kind, überleg doch mal und all den Scheiß. Kinder sind mit sich verbunden, stehen irgendwie in Kontakt mit sich, sagen, was sie fühlen, sind einfach ehrlich. Was ist denn mit uns Erwachsenen? Alles Kopfwichserei! Irgendwann sind wir dann endlich im Kopf angekommen, sind tolle Erwachsene und versuchen, nachdem wir den ganzen Mist begriffen haben, das, was uns was fehlt, über Bücher wie »10 Schritte zum Glück«, Psychoonkels, zig Therapien, Saufen, Sex oder andere Sachen ins Gefühl zurückzukommen, uns mal zu spüren. Im besten Fall können wir uns gerade so noch daran erinnern, wie sich das als Kind mal angefühlt hatte. «

»Und?«

»Und, und! Ich gehe davon aus, dass es bei Naturvölkern anders war oder ist! Die sind glücklicher oder wirken zumindest zufriedener. Die haben eine klare Rolle in ihrer kleinen Welt und machen sich nicht über tausend Dinge nen Kopp.«.

»Aber die metzeln sich auch gegenseitig ab, entführen Frauen aus anderen Stämmen, es gibt Eifersüchteleien  …«

»Klar doch! Das gehört bei allen dazu. Im Grunde genommen geht es darum, dass die sich erst ei nmal mögen, auch als Erwachsene, und nicht gleich als abgedreht gelten, wenn sie das zeigen oder sagen. Die machen nicht immer auf Understatement. Die zeigen offen, dass sie sich mögen. Spüren sich vielleicht auch in der Natur deutlicher als wir im Betondschungel.«

»Auweia …«

»Spürst du dich denn?«

»Weiß nich …, und du?«

»Das ist ja gerade mein Thema!«

»Mannomann!«

»Das ist alles, was von dir rüber kommt?«

»Was erwartest du denn?«

»Ich erwarte gar nichts, sondern wünsche mir höchstens was!«

»OK, was wünschst du dir denn?«

»Das hängt dick damit zusammen. Ich wünsche mir so sehr, gesehen und gehört zu werden. Das will man doch schon als Kind. Das Kind kuckt und schaut, ob zurückgekuckt wird. Es lächelt und kuckt, ob zurückgelächelt wird. Es greift nach etwas und schaut, was passiert. Es macht irgendetwas und nimmt wahr, ob was zurückkommt, sucht Resonanz. Ratio ist da noch nicht. Das Kind fühlt, ist bei sich, authentisch. Es möchte, dass etwas zurückkommt.«

»Und nu?«

»Na, wenn es nicht genug in Kontakt mit anderen gerät, fürchtet es sich, schneidet sich von seinen Gefühlen ab, geht aus dem Herzen in den Kopf, vereinsamt emotional. «

»Was hat das denn jetzt mit dir zu tun, hört dir keiner zu?«

»Mann, wenn du keinen Bock auf eine Unterhaltung hast, sag es einfach!«

»Was solln die Scheiße?«

»Genau darum geht es doch, ich unterhalte mich mit dir und wünsche, dass du mich siehst und hörst!«

»Aha, ich soll also deinen Erwartungen entsprechen und deiner Meinung sein. Das ist doch Mist, Alter!«

»Nein, nein, vielleicht bringe ich es nicht rüber. Du sollst mir nicht nach dem Munde reden. Es geht mir darum, dass ich nicht nach meinen Äußerlichkeiten oder aufgrund der Projektion anderer beurteilt werde!«

»So läuft das nun einmal, wenn man Menschen nicht kennt.«

»Ja, da bin ich auch kein verklärter Idiot. Ich meine nicht die auf der Straße oder im Job, die noch nie ein Wort außer Hallo mit mir gewechselt haben, die werden immer ihre negativen und positiven Erwartungen und Urteile auf mich draufpacken, vielleicht auch in Verbindung mit einer Assoziation aus ihrer Vergangenheit.«

»Und?«

»Ich möchte mich einfach verstanden fühlen, dafür gemocht werden, was ich ganz tief in mir bin, nicht dafür gemocht werden, was äußerlich scheint, ich nicht bin, wie die Leute mich haben wollen.«

»Mannomann! Voll Psycho!«

»Ach, Scheiße, siehst du, genau das meine ich? Ich hau jetzt ab!«

»Will’ste noch einen?«

»Nee, Mensch, kipp selbst hinter! Hab die Schnauze voll.«{jgototop}{/jgototop}.