Prolog

Der Vorhang geht auf

»Luise, mach doch bitte! Ich möchte nicht schon wieder zu spät kommen.«

»Jedes Mal das Gleiche, Harald. Mach dir nicht ins Hemd. Wir kommen schon pünktlich.«

»Du bist ja noch nicht mal geschminkt!«

»Das geht ganz fix.«

»Ja, ja, das sagst du immer, und ich muss warten.«

»Wie heißt das Stück, Harald?«

»‚Ich werde älter‘«

»Und um was geht’s?«

»Ich habe dir doch das Programmheft gegeben!«

»Hatte keine Zeit dafür.«

»Warum gebe ich es dir dann überhaupt?«

»Harald!«


»Na, um das Älterwerden.«


»Nun schmoll nicht.«


»So geht es immer. Du versprichst mir, rechtzeitig fertig zu sein. Ich bitte dich schon seit Stunden, endlich anzufangen. Du hältst mich hin, wirst nicht fertig, ich werde sauer, wir streiten uns, und jedes Mal fragst du mich, um was es geht. Wieso lade ich das Programm immer wieder runter, drucke es aus und gebe es dir?«


»Ja, warum eigentlich, wenn ich es doch nie lese?«


»Das frage ich mich langsam auch.«


»Hoffentlich hast du gute Plätze reserviert.«


»Habe ich, auch wenn meine liebe Frau doch wieder nicht zufrieden sein wird.«


»Immerhin nennst du mich noch deine liebe Frau.«


[Schweigen]


»Erinnerst du dich noch an letztes Mal, Harald?«


»Natürlich, das Stück war echt gut.«


»Das meine ich nicht. Mein Sitz war total durchgesessen und dann noch dieser furchtbare rote Plüsch.«


»Was hat das mit dem Stück zu tun?«


»Außerdem hat mein Nachbar unangenehm gerochen.«


»Du bist aber auch nie zufrieden.«


»Dir ist es vielleicht egal, ob dein Sitz durchgesessen ist oder dein Nachbar stinkt. Mir nicht. Das lenkt mich vom Stück ab.«


»Mach jetzt bitte hin.«


»Ja, ja.«


[Pause]


»Bestell doch schon mal das Taxi.«


»Ist vorbestellt.«


»Mein braver Harald.«


»Mach endlich.«


»In der Pause trinken wir wieder ein Gläschen?«


»Machen wir doch jedes Mal. Eigentlich hast du jetzt schon genug!«


»Harald, ich möchte doch nur ein wenig plaudern, und außerdem bin ich nicht betrunken.«


»Ich möchte, dass du endlich fertig wirst.«


»Wenn du die ganze Zeit auf und ab gehst und mich drängst, wird es auch nicht besser.«


»Wenn ich es nicht tue, auch nicht.«


»Wie spät ist es denn?«


»Sieben durch.«


»Das schaffen wir.«


»Haben wir noch nie.«


»Und trotzdem liebst du mich!«


»Dazu sage ich jetzt nichts.«


»Warum gehst du eigentlich gern ins Theater, Harald?«


»Warum nennst du mich heute eigentlich ständig ‚Harald‘?«


»Wieso denn nicht?«


»Cherie gefällt mir besser.«


»Ach, Cherie …«


[Schweigen]


»Du willst mich doch nur ablenken. Also gut, auch wenn ich es schon hundert Mal erzählt habe. Mein Vater hat mich schon als kleines Kind ins Theater mitgenommen. Seitdem liebe ich die Stimmung vor dem Stück, die Theaterluft, den Schweißgeruch der Schauspieler. Ich mag die Aufregung der Gäste, alles wuselt durcheinander, sehen und gesehen werden, die Gesprächsfetzen in der Luft. Die Leute ziehen sich endlich mal was Vernünftiges an. Kerzen, Kandelaber, Kronleuchter. Der Gong, der nach uns ruft. Es ist irgendwie ein bisschen feierlich für mich, so wie an Weihnachten. Ich komme mal raus, lasse mich inspirieren. Die Liste ist endlos. Mach jetzt bitte hin!«

»Bin gleich mit dem Schminken fertig. Warum hast du das Thema mit dem Älterwerden für uns rausgesucht?«

»Geht uns das nicht alle irgendwie an?«

»Die meisten finden uns bereits steinalt. Muss ich mich als Frau daran erinnern lassen?«

»Nicht das Thema schon wieder. Ich lese dir mal einen Absatz aus dem Programmheft vor:
Beobachten Sie gern? Sind Sie an dem Leben anderer interessiert, ein Voyeur? Konnten Sie sich mit 15 vorstellen, 30, 40, 50 oder noch älter zu werden? Wer wollten Sie sein, und was ist aus Ihnen geworden? Sie wurden geboren. Damit fing das Dilemma an. Woher kamen Sie? Wer sind Sie? Warum sind Sie hier? Wohin werden Sie gehen? Wie werden Sie die Farben und Konturen dieser Welt sehen, ihre Geräusche hören, Gerüche wahrnehmen, Leckereien schmecken, Formen ertasten, lieben, letztlich sterben. Sie werden älter, das Wundervollste und Normalste der Welt. Wussten Sie, ob Sie es schafften würden?«


»Kann ich nicht viel mit anfangen.«


»Warte doch erst mal ab.«


[Schweigen]


»Ich bin fertig.«


»Gott, ich danke dir, aber nicht für ihr Parfüm.«


»Harald!«


[…]


»Hier sind unsere Sitze.«


»Ich sehe gar nichts.«


»Es wäre nicht dunkel, wenn wir nicht wieder zu spät wären.«


»Pssssssssssssst!«


»Entschuldigen Sie!«


»Setzen Sie sich doch endlich hin.«


»Entschuldigung.«


»Mein Sitz ist wieder durch, Harald!«


»Meckere bitte nicht rum, der Vorhang geht doch schon auf.«


»Ich werd doch noch mal was sagen dürfen.«


»Hmh.«


»Was soll das denn, Harald, will der Typ da jetzt eine Rede auf der Bühne halten?«


»Keine Ahnung und bitte, bitte, halt jetzt den Schnabel, Luise.«


»Ich sag ja gar nichts mehr.«


[Schweigen]


»Verehrtes Publikum, sehr geehrte Damen und Herren,


ich bin ein Mensch.


[Pause]


Das wird Sie nicht überraschen.


[Pause]


Mich hat es irgendwann überrascht. Ich wurde geboren und habe keine Erinnerung daran, wann, wo und wie ich das Licht dieser Welt erblickt habe. Die ersten Jahre meines Lebens existieren für mich nicht. Es ist, als hätte ein alles verschlingendes, schwarzes Loch ganze Arbeit geleistet. Falls meine ersten Gefühle, Blicke, Gedanken und Worte von einem dieser Löcher aufgesaugt worden sein sollten, so habe ich den Staubsaugerbeutel bis heute nicht gefunden. Es wurde anscheinend ganze Arbeit geleistet. Irgendwo müssen sie doch abgeblieben sein, meine Gedanken, meine Gefühle? Aber so sind die ersten Jahre in mir dunkel, und ich kann sie nur durch den Blickwinkel anderer erfahren, und da fühle ich mich hilflos ausgeliefert. Oder meine Deutungen erhellen diese frühe Zeit meines Lebens. Wenn Lebenserfahrungen vererbt werden könnten, hätte ich mir vieles ersparen können. Ich hätte gewusst, dass ich kein Prinz bin, nichts Außergewöhnliches tun und mich immer wieder an der Herdplatte verbrennen werde, dass ich aus dem Herzen des Kindes in den Kopf des Erwachsenen gehen würde, dass sich meine Kindheits- und Jugendträume pulverisieren werden, dass ich schlicht und einfach älter und stückweise erwachsener, man sagt gern auch vernünftiger, werde und, verdammt noch mal, dass ich ein ganz normaler Mensch bin. Ich war nicht vorbereitet, dass das Leben eines Durchschnittstypen so viel Alltagswahnsinn beinhaltet, und dass ich auf so viele Minen treten würde.

Aber was ist ein ganz normaler Mensch? Ich stehe vor Ihnen, und mein Hemd verbirgt meine Wunden. Darüber bin ich froh. Die meisten Verletzungen sind mittlerweile vernarbt, einige brechen gelegentlich wieder auf, andere bluten noch immer. Ich hoffe, ich habe keinen Fleck auf meinem Hemd. Das wäre mir peinlich. Einige Wunden befinden sich zum Glück auf meinem Rücken, sodass ich sie nicht sehen kann, entschuldigen Sie, ehrlicherweise sollte ich sagen: sehen muss.

Diese Sache mit der Herdplatte ist mir immer wieder passiert. Ihnen auch? Ich bin 40. Die Lebenserwartung in Deutschland beträgt bei Männern 77 und bei Frauen 82. Das Durchschnittsalter jedoch, ich bitte Sie, genau hinzuhören, nur bei 41 Jahren. Mal ganz ehrlich, haben Sie das gewusst? Ich nicht und ich habe es deswegen »gegoogelt«. Dieses Wort gab es bei meiner Geburt noch gar nicht. Habe ich nun noch 37 Jahre oder nur noch ein Jahr zu leben? Vor 20 Jahren habe ich 40-Jährige als uralt empfunden, das waren Greise für mich. Heute gehöre ich zu ihnen. Ob mich die Jugendlichen auf der Straße auch so sehen, wie ich es damals getan habe? Denken diese Schnösel, Verzeihung, Jugendlichen vielleicht, dass mein Leben schon gelaufen ist? Ab wann darf man zurückschauen? Mit 20 oder 30 doch nur, wenn man ein Star ist. Das bin ich nicht. Darf ich also in meiner goldenen Mitte – oder vielleicht auch schon kurz vorm Exitus – zurückschauen und Sie mit dem Leben eines Durchschnittsmenschen belästigen? Steht mir, ausgerechnet mir, das zu? Hatten Sie schon einmal das Bedürfnis, Ihr Leben wie eine Art Filmstreifen an Ihnen vorüberziehen zu lassen, Bild für Bild, Sequenz für Sequenz? An welche Bilder können Sie sich noch erinnern? Welche sind übrig geblieben?


[Pause]


Ich habe geliebt und wurde geliebt. Ich habe verletzt und wurde verletzt. Ich habe verlassen und wurde verlassen. Zu viel möchte ich an dieser Stelle natürlich noch nicht verraten. Schließlich sind Sie deswegen heute Abend hier, deshalb stehe ich vor Ihnen. Ich werde mein Hemd über meinen Wunden lüften, aber nicht zu weit, Sie verstehen schon. Ich werde Ihnen ein ganz normales Leben zeigen, natürlich nicht alles, dafür haben wir in den nächsten zwei Stunden, die Pause auch noch abgezogen, natürlich keine Zeit. Ich werde mich auf einige Episoden beschränken. Sie werden entscheiden, ob Ihnen dieser Kerl und seine schlichte Geschichte sympathisch sind, ob Ihnen Dinge bekannt vorkommen, ob sie sich selbst hier und da entdecken können, ob es die Wahrheit ist oder erfunden wurde. Nur für den Fall, dass Sie das denken sollten, ich bin weder ein Narzisst, Weiberheld, toller Tänzer noch schön und erst recht nicht perfekt. Doch sehen Sie, entscheiden Sie selbst! Es ist Ihre Wahrheit! Das Stück beginnt.«

»Was erzählt der da?«

 

»Pssssst, Luise, bitte!«