Hummerbecken

»Die Lampe ging an und fesselte meine Aufmerksamkeit. Vielleicht wollte ich mich auch fesseln lassen. Mitten im Gespräch mit Margit, oh Gott, warum treffe ich mich bloß mit ihr, bin ich ausgestiegen. Sie hat wohl noch kurz weiter geschwafelt…Ich habe an ihr vorbei gesehen. Sie hatte zu Existieren aufgehört. Ich war so dankbar für die Ablenkung. Vorher hatte ich den Restaurantbesitzer, bestimmt so ein Araber, der auf italienisch tut, nach einem flüchtigen Blick für das dreckige, tote, deplazierte Aquarium als hässlichen Blickfang gescholten. Die Scheiben, das Wasser zeigten sich im Schein der Lampe aber glasklar. Die Pumpe blubberte vor sich hin. Luftbläschen stiegen auf. Der Blick in das Hummeraquarium sollte mich irgendwohin entführen, so wie mich der Blick auf die bunten Süßwasserfische bei unserem Chinesen auch immer fort trägt. Plötzlich kam Leben in die Bande, wie auf einen geheimen Befehl hin. Ein Hummer drehte durch, rannte los, über einen zweiten hinüber und attackierte einen dritten, der die Flucht ergriff. Der Vierte versuchte, vor Aufregung die Glaswand in der gegenüberliegenden Ecke vergeblich hochzuklettern und rutschte immer wieder runter. Sein Körper wirbelte beim Aufprall den Kiesgrund auf. Der Angreifer konnte keinen für mich erkennbaren Schaden zufügen. Alle Scheren trugen ein blaues Gummiband. Es ging weiter rund im Becken, überall Beine, Tentakeln, Panik zum Greifen nahe. Ich konnte ihre Aufregung fast fühlen. Drei der Hummer kriegten sich überhaupt nicht mehr ein und waren voll durch den Wind, großes Kino. Der Zweite stellte sich weiter tot. Kluges Kerlchen. Um ihn kümmerte sich weiter keiner. Vielleicht war sein Geist bereits gebrochen. Margit schob sich zurück in den Film und erzählte mit schriller Stimme irgendetwas und wackelte dabei mit dem Oberkörper. Ich blendete ihre Stimme und ihr hässlich verzerrtes Gesicht aus. Der Spuk war genau so schnell vorbei, wie er aufgekommen war. Alle Hummer lagen regungslos rum. Ein Gummiband schwebte im Wasser, vom Angreifer…«

»Ach, meine süße Kopfbefüllerin…«

»Mehr hast Du dazu nicht zu sagen, Regius?«

»Hm,…, Du gibst den Leuten eben immer etwas zu denken, füllst unsere Köpfe mit Gedanken und Bildern. Auch dafür liebe ich Dich, Schatz.«, Regius goss sich eine weitere Tasse Kaffee ein.

»Sei so lieb und gib mir die Kaffeesahne rüber, Hase.«, Regius lächelte dabei.

»Nimm sie dir doch selbst.«

»Du hast ja Recht, Schatz, sie steht ja auch viel näher bei mir…Ist das eine andere Sorte?«

»Nein, dieselbe wie seit Jahrhunderten…«

»Oh, und ich dachte schon…«

»Mehr hast Du dazu nicht zu sagen?«, Renates Mundwinkel waren Tieflader.

»Wozu?«

»Regius!«

»Ach, ach, Du warst eben mit Deiner besten Freundin…«

»Einer Freundin! Wenn überhaupt…«

»…Auch gut, also mit einer Freundin essen, hast nett geplaudert, Hummer bei Revierkämpfen beobachtet und einen netten Abend verbracht. Macht ihr doch seit Jahren. Ist doch klasse!«

»Berührt Dich meine Schilderung gar nicht?«

»Aber wieso denn, ein paar aufgeregte Krabbler…«

»Meinst Du denn nicht, dass sie total gestresst sind, weil sie bald als Tagesspezialität auf den Tellern um sie herum landen?«

»Ach, die haben es doch gut in ihrem Becken, Schatz. Die wissen von nichts…Wo sind die Kinder eigentlich?«

[Schweigen]

»Oben, ich habe sie schon geweckt, sie müssten bald runter kommen…«

»Hast Du die Zeitung schon reingeholt?«

»Sie liegt da, wo sie jeden Morgen liegt!«

»Oh, dann hole ich sie schnell rein. Mal sehen, was die Welt heute bewegt.«

Renate saß am Esszimmertisch vor der Küche und schrie lautlos Scheiße! Die Kinder kündigten ihr Kommen durch Poltern und Schlurfen die Treppe runter an. Theo und Samson trugen ihre allmorgendliche Maske der Lustlosigkeit, Sabrina strahlte ihre Honigkuchengesicht.«

»Denkt ans Gratulieren!«

»Keinen Bock, soll ihn doch die Krätze holen…«

»Was hast Du gesagt??«

»Nichts, nichts.«, Theo sah zu, dass er um den Esstisch herum kam, sich möglichst weit von seiner Mutter wegsetzte. Dabei vergrub er sich noch tiefer in die Kapuze seines XXXL-Pullis. Möglichst gelangweilt ließ er Cornflakes auf seinen Teller rieseln.

»Mammi, Mammi, schau ich hab’ ein Bild für Papi gemalt.«

»Schön, schön, Hase, hast du gut gemacht.«

»Ist doch blödes Gekrickel.«

»Theo!!!«

»Schon gut, reg dich bloß wieder ab!«

»Du wirst gleich sehen, was passiert, wenn ich mich aufrege!!!«

»Schon gut, schon gut…«

[Pause]

»Guten Morgen, hallo, liebe Kinder!«

»Guten Morgen, Papa.«, intonierte der männliche Chor lang gezogen in kindlichem Bass. Sabrina strahlte und hielt ein Blatt Papier hoch.

»Habt ihr gut geschlafen, etwas schönes geträumt?«

[Schweigen]

»Papi, Papi, ich hab ein Bild für Dich gemalt.«

»Ach, Hase, dass ist aber nett von Dir und wie schön das Bild geworden ist.«

»Hab’ dich liiiiiieb.«

»Ich dich auch mein Hase. Dann werde ich wohl einen besonderen Platz für dieses großartige Bild einer talentierten Künstlerin finden müssen, bis es in der Nationalgalerie ausgestellt wird. Komm lass dich mal drücken…mhm, mhm.«

[…]

»Regius, ich fahre Dich heute zur Bahn.«

»Oh, das ist aber nett von Dir.«

»Es bleibt die Ausnahme.«

»Du bist und bleibst ein Schatz, mein Schatz.«

[…]

»Tschüss Kinder, ich wünsche euch allen einen erfolgreichen Tag!«

Die Jungs nickten, Sabrina strahlte weiter vor sich hin und brabbelte Buchstabensalat.
Regius trat vor die Tür und genoss die erste Frühlingssonne. Er schaute an sich herunter und war zufrieden. Ein hellgrauer Anzug, Krawatte und Schuhe in Braun wurden durch einen farblich abgestimmten Gürtel vollendet. Regius nannte es »seinen italienischen Stil« und schlenkerte selbstgefällig seine braune Echtlederaktentasche. Der Chor der Vögel sang heute lauter, die Sonne strahlte heller, das Blau über ihm war blauer. Auf der Fahrt zum Hauptbahnhof gratulierte er sich zu seiner wunderschönen Frau, hatte sie sich heute ihm zu ehren doch besonders hübsch gemacht, und hieß die Frühlingsboten weiter willkommen.

»Ich lass dich ein Stück weiter vorn raus, vor dem Haupteingang ist es mir zu wuselig.«

»Kein Problem, Schatz, kein Problem. Danke fürs bringen, Hase.«

Regius winkte seiner Frau nach, die die Kinder in die Schule und Kindergarten fahren würde, danach zu Thorsten.

Regius stand an der richtigen Stelle, um in den zweiten Waggon der S 1 einsteigen zu können. Meistens stieg dort auch ein hübsches Ding mit drallen Dingern und süßen Sommersprossen ein. Seit Wochen freute er sich morgens auf die gemeinsame Fahrt. Meistens setzte er sich zwei Reihen hinter sie und beobachtete die junge Frau. Er fühlte sich fast schon vertraut mit dem sanften Engel zwei Si tzreihen entfernt, als wären sie ein Paar, das schweigend Hand in Hand nach Berlin fuhr.
Als die S-Bahn einfuhr, verspürte Regius einen kurzen Stich. Sie war nicht gekommen. Sollte er eine weitere Bahn abwarten? Nein, das konnte er sich nicht leisten. Als er sich hingesetzt hatte und die Bahn los gefahren war, schloss er kurz die Augen und sah sie in den Wochen zuvor zwei Reihen vor ihm sitzen, ihren Nacken unter der Hochsteckfrisur, die helle Haut, Sommersprossen, dralle Brüste, die sich majestätisch unter der Kleidung erhoben. Natürlich würde Regius nie…, aber ein wenig träumen ist doch schließlich…Ein weiterer Stich durchfuhr ihn. Er hatte sich nicht von Addy und Queeny verabschiedet. Das würde er heute Abend wieder gut machen.{jgototop}{/jgototop}