Gehaltserhöhung

»…Herr Hermann, auch an unserer Firma ist die Wirtschaftskrise nicht spurlos vorübergegangen…Wir sitzen alle in einem Boot, müssen in dieselbe Richtung rudern…Der Takt, das Verständnis, die Gemeinsamkeit, der Glaube, dass es nur einen Sieger, aber viele Gewinner geben kann…Egal ob Auskunftsassistent, Fahrer, Desk Manager, leitender Angestellter oder Aufsichts…Müssen uns neuen Herausforderungen stellen und ein Maximum an Flexibilität…Nein, nicht nur deutschlandweit, vielmehr müssen wir die Regression nutzen, um auf dem internationalem Parkett die angeschlagene Konkurrenz anzugreifen…Made in Germany ist gefragt, das Vertrauen in die strategische Finanzplanungen der Briten, Franzosen und Spanier ist angekratzt…Deutschland…Letztlich müssen wir alle den Gürtel enger schnallen, egal ob er von Hermés…Die Börse ist ein Indikator, der bald wieder nach oben zeigen wird…«

Regius sah durch die tief gezogenen Fenster aus dem vierten Stock über die Schulter seines Gesprächspartners in das gegenüberliegende Hotelrestaurant. Ein älteres Paar wurde von einer adretten Bedienung fachmännisch umsorgt. Das Personal trug akkurate Bekleidung alter Schule, wie es sich für ein 5 Sterne Hotel gehörte.

»…Wir befinden uns in einer alles entscheidenden Phase, da darf sich niemand ausnehmen…Unser aller Arbeitsplatz ist in Gefahr…Wir waren gut aufgestellt und wollen das auch bleiben, deswegen müssen wir uns vor dem derzeitigen Paradigmenwechsel…«

Regius kam über die Hochsteckfrisur der alten Dame am Frühstückstisch zu seinem S-Bahnflirt und fragte sich, wie alt die Frau wohl sein möge, ob sie verheiratet sei, Kinder habe? Ein Ring war ihm bisher nicht aufgefallen. Welchem Beruf ginge sie wohl nach, wie könnte das junge Ding wohl heißen? Bei der Frage, ob sie in seiner Nachbarschaft wohnen könnte, verspürte er eine kurze Erregung.

»Herr Herrmann?«

»Ja, bitte, Herr Oberleitner?«

»Hören sie mir überhaupt zu?«

»Natürlich, Chef, natürlich.«

»Unser Controllingbereich hat deswegen ein Bench Marking in Bezug auf das zurückliegende Geschäftsjahr durchgeführt…«

[Schweigen]

»Und was meinen sie ist das Ergebnis, Herr Herrmann?«

»Dass wir schlechter abgeschnitten haben als im Jahr zuvor und unsere interne Zielvereinbarung nicht einhalten konnten?«

»Das ist doch eine Selbstverständlichkeit, die die Spatzen von den Dächern pfeifen…Sie sind in einem persönlichen Vergleich mit leitenden Angestellten in entsprechender Funktion Vorletzter! Haben Sie mich verstanden Vorletzter!«

»Oh!«

[Schweigen]

»Ist das alles, Herr Herrmann?«

»Äh, die Halbjahresbilanz las sich ganz gut….Und nach dem Deal mit Gemotrans dachte ich…«

»Sie dachten? Mensch, Herr Herrmann, denken sie nicht, handeln sie! Wenn ich in ihrer Personalakte nicht gelesen hätte, dass sie heute Geburtstag haben, würde ich ganz anders mit Ihnen sprechen…Also insofern noch herzlichen Glückwunsch.«

»Danke schön, Herr Oberleitner.«

»Zurück zum Thema, die Arbeit geht vor, ich selbst habe auch ein 365-Tage-Jahr, also keine Zeit für Gefühlsduseleien, schließlich ermöglichen wir uns alle gegenseitig unseren täglichen Laib Brot…«
Regius fing an zu schwitzen, seine Achseln waren bereits merklich feucht, der oberste Hemdknopf drückte, die Krawatte war zu fest gebunden.

»…Kriegen die beiden Letzten des Bench Marking eine vorübergehende Kürzung aller Boni bis zum Ende des laufenden Geschäftsjahres.«

»Aber, Herr Oberleitner, mein Arbeitsvertrag…«

»Nichts aber!«

»Schon gut, schon gut.«

»Darüber hinaus wird der mit dem schlechtesten Abschluss entlassen…Seien sie beide froh, dass wir ihnen noch eine Chance geben. Ich habe mich persönlich ganz oben für sie eingesetzt. Sie können mir also danken.«

[Schweigen]

»Danke, Chef.«

»Na ja, war ja letztlich eine Selbstverständlichkeit, immerhin sind sie ein langjähriger, verdienter Mitarbeiter von IS-CC, kleiner Durchhänger, passiert uns allen Mal, keine Entlassung ist quasi eine Gehaltserhöhung!«
Oberleitner kam hinter seinem nackten Glastisch herum und schlug Regius auf die Schulter, der ein Stück nach vorne wankte.

»Na, wird heute Abend noch schön gefeiert?«

»Nur Familie, Chef.«

»So ist es recht, morgen ist schließlich ein ganz normaler Arbeitstag, was?. Also schönen Tag noch.« Oberleitner ging zur Tür und öffnete sie unmissverständlich.

Regius sah auf seine Armbanduhr. Eine halbe Stunde, er war eine halbe Stunde, so lang wie noch nie bei Herrn Oberleitner gewesen. Als er hochsah, grinste ihn ein leitender Angestellter eines anderen Bereichs an. Regius vergaß ständig seinen Namen.

»Top oder Flop?«

»Nein, nein, alles in bester in Ordnung.«

Die Vorzimmerdame beorderte den Wartenden hinein und entließ Regius mit einem Wink.

Es war noch etwas früh für die Frühstückspause in der Brasserie des Hilton. Dort genoss er für gewöhnlich einen Latte Macciato, ein Croissant und die Plauderei mit Michelle. Es war so warm hier, so eng. Regius nahm entgegen seiner Gewohnheit das Treppenhaus und ignorierte beim Verlassen des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes den zackigen Auskunftsassistenten Papandopoulos, der wie immer aufgestanden war. Er wusste nicht wohin, hier mitten im Trubel der Friedrichstraße und des Gendarmenmarktes, im Herzen seiner sonst so geliebten City-Ost. Regius ging einfach in östliche Richtung der Mohrenstraße los.